Armageddon in Südasien Die nukleare Versuchung im Bruderkrieg
Neue Zürcher Zeitung
4. Juni 2002
Von Urs SchoettliSelbst in den dunkelsten Zeiten des Kalten Kriegs hielt sich in der Welt irgendwie der Glaube, dass es zwischen dem Osten und dem Westen nicht zu einem Nuklearkrieg kommen werde. Auch Chinas Aufstieg in den exklusiven Klub der Atommächte vermochte diese Gewissheit nicht zu erschüttern. Bei Indien und Pakistan, den beiden jüngsten Atommächten, sieht dies ganz anders aus. Erstmals seit Hiroshima und Nagasaki können in Südasien nukleare Sprengköpfe kriegsmässig eingesetzt werden.
Es kann wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Fähigkeit Moskaus und Washingtons, sich gegenseitig zu zerstören, dem 20. Jahrhundert einen dritten Weltkrieg erspart hat. Bis zum Aufbau des in der Weltgeschichte präzedenzlosen Zerstörungspotenzials, mit dem die beiden Supermächte die Zivilisation auslöschen und der Erde einen nuklearen Winter bescheren konnten, hatte die Regel gegolten, dass der Mensch jede Waffe in seinem Arsenal über kurz oder lang auch gegen seinesgleichen einsetzen werde. Es gab die Versuchung im Koreakrieg, als General Douglas MacArthur mit Dutzenden von Atombomben einen Cordon sanitaire um China schaffen wollte, es gab sie während der Raketenkrise auf Kuba, und es gab sie, als Mao sowohl die USA als auch die Sowjetunion wissen liess, er könne sich einen Nuklearkrieg erlauben, da ein ausreichender Teil des chinesischen Staatsvolks diesen überleben werde. In jeder dieser Krisen, welche die Menschheit an den Abgrund der Katastrophe brachten, setzte sich die schlichte Einsicht durch, dass sich der Griff zur Atombombe nicht lohnte.
Kein Friedensbonus
Kurz vor dem Ende des ersten nuklearen Jahrhunderts hatten Indien und Pakistan der Welt demonstriert, dass sich auch arme Nationen die Bombe leisten können. Die Lehnstuhlstrategen in Delhi und Islamabad versicherten uns, dass der Subkontinent, auf dem es in den vergangenen fünf Jahrzehnten zu drei verlustreichen Kriegsgängen gekommen war, nun ebenfalls vom Bonus der gegenseitigen Abschreckung - auf Englisch so vielsagend mit dem Begriff «MAD» (Mutual Assured Destruction) beschrieben - profitieren könne. Was bei der Sowjetunion und den USA, bei China und Amerika gespielt habe, könne nun auch für Südasien gelten: die Atombombe als Friedensgarantie.
Die Debatte, die sich im Anschluss an den 11. September 2001 um die Hintergründe des weltumspannenden Terrorismus entsponnen hatte, ist wieder weitgehend verstummt. Weiterhin fehlt es an einer sorgfältigen Durchleuchtung des Mythos der Globalisierung. Nicht nur Ökonomen und Technologen, auch Strategen sind in den letzten Jahrzehnten allzu leicht dem Glauben aufgesessen, dass nun, da die Welt total vernetzt ist, man über alle kulturellen Grenzen und Brüche hinweg nach denselben Kriterien und Verhaltensmechanismen vorgehen könne. Zwar weiss die Welt mindestens seit vier Jahren, dass Indien und Pakistan nicht nur über Kernwaffen, sondern auch über Raketensysteme für deren Gefechtseinsatz verfügen. Erst in den letzten Wochen hat sie jedoch zögerlich vom Horrorszenarium Kenntnis genommen, dass es zu einem nuklearen Schlagabtausch zwischen den beiden verfeindeten Nachbarn kommen kann. Die amerikanische, die westeuropäische, die russische und die chinesische Diplomatie arbeiten derzeit auf Hochtouren, um Delhi und Islamabad zur Räson zu bringen. Alle Bemühungen werden indessen nichts fruchten, sofern sie nicht die Besonderheiten dieses Konflikts berücksichtigen und erkennen, dass die Mechanismen nuklearer Abschreckung, die anderswo wirksam waren, in diesem Fall aus kulturellen wie historischen Gründen nicht im selben Masse greifen.
Hass und Vorurteile
Man sitzt in der weitläufigen Villa eines pensionierten Generals der pakistanischen Streitkräfte in Islamabad. Auch in seinem zivilen Anzug ist der Gesprächspartner mit seinem sorgfältig gestutzten Schnurrbart und seinem schnarrenden Englisch in jeder Faser professioneller Militär. Wie überall im ehemaligen Empire hat sich auch in Pakistan das Erbe des British Raj bei den Streitkräften am besten gehalten. Man sieht es bei den Uniformen, in den Offiziersmessen und beim Kommiss. Zwei Kriege hat unser Gesprächspartner mitgemacht, zuletzt war er als Stabsoffizier im ehemaligen Ostpakistan, dem heutigen Bangladesh, im Einsatz. Wie überall auf dem Subkontinent kommt die Sprache auch hier auf die Partition, die Teilung des indischen Subkontinents beim Abzug der britischen Kolonialmacht. Abgesehen vom demonstrativen Nationalstolz, den er zur Schau trägt, erhält man auch einen flüchtigen Einblick in die verwundete Seele des Generals. Ein muslimischer Soldat entspreche vier indischen, «der Hindu ist ein notorischer Versager», tönt es selbstbewusst, doch auf die Frage, warum Pakistan es nicht wie sein Rivale Indien geschafft habe, eine funktionierende Demokratie zu errichten, erhält man keine Antwort. Unverkennbar schwelt die Wunde der verlorenen Kriege noch immer, ebenso die Hoffnung, noch eine erfolgreiche Vergeltung zu erleben.
Im Stelldichein von Delhis «chattering classes», dem India International Center, trifft man sich mit einem pensionierten indischen Offizier. Als blutjunger Leutnant hat er in den Reihen der Briten bei der Befreiung Italiens gekämpft. Er war in Montecassino dabei. Danach hat ihn die Karriere eines Berufsoffiziers in die Spitzenränge der indischen Armee geführt. Nach seiner Ausmusterung bekleidete er Managementposten in mehreren Firmen, seit ein paar Jahren hat er sich völlig aus dem Arbeitsleben zurückgezogen und geniesst seine zahlreiche Familie. Er hat keine Zweifel daran, dass die jüngsten Terrorattacken in Indien die Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes erhielten. «Wir müssen den Pakistanern endlich eine Lektion erteilen, von der sie sich nicht mehr erholen.» Auch wenn dies zum nuklearen Schlagabtausch führe, gebe es keine andere Lösung. Er nimmt selbst die Zerstörung Delhis, wo der grösste Teil seiner Familie lebt, in Kauf. Das Opfer rechtfertige sich, wenn man damit ein für alle Mal Pakistan erledigen könne.
Unverantwortlicher Poker
Eine akkurate Bewertung der Chancen eines Nuklearkriegs auf dem indischen Subkontinent ist ohne Kenntnis wichtiger historischer und kultureller Fakten nicht möglich. Der Kalte Krieg mag von schweren Rivalitäten und tiefgreifendem Misstrauen zwischen den verfeindeten Blöcken geprägt worden sein, beim indisch-pakistanischen Konflikt handelt es sich jedoch um einen Bruderkrieg voller Hass und Ressentiments. In zuweilen perverser Weise waren beim Wettrüsten zwischen den USA und der UdSSR rationale Erwägungen im Spiele. Sie mögen in Zeiten der Hochspannung nicht erkennbar gewesen sein, doch im Extremfall verhinderten sie, wie die Krise um Kuba oder der Verzicht der USA wie der Sowjetunion auf nukleare Präventivschläge gegen China demonstrierten, den Absturz in die Katastrophe.
Südasien bildet in einzigartiger Weise einen eigenständigen kulturellen Kosmos, dessen Einheit durch die britische Kolonialherrschaft in administrativer und infrastruktureller Hinsicht untermauert worden war. Die Teilung von 1947, die nach religiösen Kriterien erfolgte, diese aber nicht in voller Konsequenz zu implementieren vermochte und Indien mit einer starken muslimischen Minderheit beliess, trennte, was, analog zu Willy Brandts Worten über die Teilung Deutschlands, eigentlich zusammengehören sollte. Die Millionen, die durch die Partition ihr Zuhause oder Angehörige verloren haben, treten derzeit von der Bühne ab, und an ihre Stelle rücken Salman Rushdies «Midnight's Children». Familienzwiste sind erfahrungsgemäss immer die erbittertsten Querelen, und ihre Wunden mögen über Generationen hinweg schwären. Ein weltweit militanterer Islam und aufgeputschte Fanatismen unter den Hindus heizen das Klima zusätzlich auf. Dem Ziel vom Hindu Raj, der Herrschaft der Hindus über Indien, steht der Traum der Muslime gegenüber, dass sie in der Nachfolge der von den Briten abgesetzten Moguln wieder über den ganzen Subkontinent herrschen sollten.
Die Gefährlichkeit dieses Bruderkonflikts wird noch dadurch akzentuiert, dass Südasien von den Massenvernichtungskriegen des 20. Jahrhunderts, die in Europa, Russland, China, Vietnam und Japan Millionen Opfer gefordert haben, bisher verschont geblieben ist. Die früheren Waffengänge zwischen Indien und Pakistan und auch der indisch-chinesische Grenzkrieg liessen die grossen Bevölkerungszentren unbehelligt. Indien und Pakistan lieferten sich klassische Panzerschlachten in Rajasthan oder klassische Hochgebirgskriege in Kargil. Bombay und Karachi, Delhi und Islamabad wurden nicht mit Bombenteppichen dem Erdboden gleichgemacht. Dies mag zumindest teilweise den beiderseitig saloppen Umgang mit verbalen Kriegsdrohungen erklären. Der ganze Poker ist umso unverantwortlicher, als es auf beiden Seiten nicht einmal einen minimalen Katastrophenschutz gibt und zudem hüben wie drüben Dutzende von Millionen Menschen selbst in Friedenszeiten zu einer inhumanen Randexistenz verurteilt sind. Während sich die Salonstrategen in den pakistanischen und indischen Medien gegenseitig zum Endkampf emporschaukeln, ist es an der Zeit, dass die Welt Indien und Pakistan ultimativ klar macht, welches Armageddon beide Länder nach einem atomaren Schlagabtausch erwartet.