Die Emirate fürchten nicht Bagdad, sondern Washington Eine Interessengemeinschaft, aber keine Freundschaft mit Amerika
Frankfurter Allgemeine Zeitung
20. Juni 2002
Von Rainer HermannABU DHABI, im Juni. Die Golfstaaten haben ihre harte Linie, die sie in den neunziger Jahren gegen das Regime in Bagdad verfolgt hatten, erheblich aufgeweicht. Humanitäre Überlegungen haben die Oberhand über die Furcht vor der Gefahr gewonnen, die unverändert von Saddam Hussein ausgeht. Die meisten Menschen und Regierungen am Golf wollen nicht länger einsehen, daß die irakische Bevölkerung auch elf Jahre nach dem Ende des zweiten Golfkriegs noch zu leiden hat und das Land an Euphrat und Tigris nun abermals der Gefahr eines amerikanischen Angriffs ausgesetzt ist.
Auf Unverständnis und Ablehnung stößt die amerikanische Irak-Politik besonders in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Damit ist der Irak neben dem eskalierenden Nahost-Konflikt die zweite Ursache für die Zunahme der Spannungen zwischen der Föderation am Golf und Washington. Die Regierung Bush habe für die Zeit nach Saddam Hussein keine Politik entwickelt, kritisiert der Politologe Jamal al Suwaidi, der gerade von einer Reise aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist. Und Ibrahim al Abed, die rechte Hand des Informationsministers, sieht keinen Grund, der einen Angriff auf den Irak rechtfertigen könne. Die Sanktionen hätten das irakische Regime nur gestärkt und das Leiden des irakischen Volkes vergrößert, sagt er. "Um diese menschliche Tragödie sorgen wir uns." Wer die politische und militärische Basis des Iraks zerstören wolle und keine Alternative biete, der frage nur nach Chaos, warnt Suwaidi, der als Direktor das "Zentrum für Strategische Studien und Forschung" in Abu Dhabi leitet. Im Irak würde die Teilung des Landes entlang ethnischer und religiöser Linien zu einem Bürgerkrieg führen, sagt er. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich vor einem Übergreifen regionaler Konflikte auf ihr Territorium fürchteten, plädierten daher für eine diplomatische Lösung der Irak-Frage und die Rückkehr der Abrüstungsinspekteure.
Nach seiner Rückkehr aus Washington hat Suwaidi, dessen Zentrum für das Verteidigungsministerium Analysen erstellt, indessen keinen Zweifel mehr, daß die Vereinigen Staaten es "ernst" meinten mit dem Irak. Fragezeichen setzt er jedoch hinter die Hoffnung der Regierung Bush, daß eine Bombardierung des Iraks einen Aufstand der Republikanischen Garde gegen Saddam Hussein verursachen würde. Denn zu stark seien die Interessen dieser Eliteeinheit mit denen des Regimes verknüpft.
In Abu Dhabi und Dubai, den beiden wichtigsten Städten der Föderation, sprechen nicht wenige offen die Furcht aus, daß der Irak auf einen Angriff der Vereinigten Staaten mit einem atomaren Angriff auf Israel antworten könne. Mutmaßlich verfüge Bagdad über 200 bis 600 Kilogramm spaltbares Atommaterial, die es auf dem Schwarzmarkt erworben habe, schätzen Fachleute. Für Atomwaffentests sind Sprengköpfe mit jeweils 200 Kilogramm erforderlich. Bagdad benötige jetzt Zeit, um Probleme mit Trägerraketen und Zündern zu lösen, bevor es in eine Serienproduktion von Sprengköpfen eintreten könne.
Peter Hünseler, ein deutscher Forscher am Zentrum für Strategische Studien in Abu Dhabi, ist überzeugt, daß Präsident Bush bei einem Marsch auf Bagdad mehr neue Probleme schaffe als alte löse. Bei allen Regierungen der Golfregion stellt er zudem eine Neigung fest, die Amerikaner bei ihrem Einmarsch in den Irak, den sie nicht gewinnen könnten, ins Leere laufen zu lassen. Erst nach dieser Lektion würde Washington eine Basis für eine neue Zusammenarbeit anbieten, lautet die Hoffnung am Golf. Ohnehin rechnet kaum einer in den Vereinigten Arabischen Emiraten damit, daß Präsident Bush wiedergewählt wird. "Wir müssen ihn jetzt einfach aussitzen", sagt ein Gesprächspartner.
Zu tief sitzt in der arabischen Welt der Stachel, daß sie nach dem 11. September in ihrer Machtlosigkeit vorgeführt worden ist und keinen Einfluß auf die Politik in ihrer eigenen Region nehmen kann. In den Ländern selbst wächst der innenpolitische Druck auf die Regierungen, den Forderungen Washingtons nicht nachzugeben. Daneben spielen Länder wie Jordanien und Syrien in der Nahost-Politik kaum mehr eine Rolle. Bei den zwei verbleibenden wichtigen Ländern, Ägypten und Saudi-Arabien, hat eine Verschiebung des politischen Gewichts vom Nil an den Golf eingesetzt.
Ägypten, das traditionelle Zentrum der arabischen Welt, leidet darunter, daß es trotz seiner diplomatischen Beziehungen zu Israel den Kurs der Regierung Scharon nicht ändern und Washington nicht zu einer anderen Gangart im Nahost-Konflikt bewegen kann. Ohne von solchen Fesseln gefangen zu sein, haben die Golfstaaten diplomatische Initiativen lanciert. Ihre neue Führungsrolle unterstreichen sie, indem sie in Washington für ihre Lobbyarbeit ein Institut aufbauen, wie es Israel bereits betreibt. Vor allem aber verfolgt der saudische Kronprinz Abdullah seit 1998 eine eigene Außenpolitik und Ölpreispolitik, in der er eine größere Unabhängigkeit gegenüber Washington durchsetzt. Sein Friedensplan für Palästina gilt in der arabischen Welt als die einzige realistische Initiative, um den Nahost-Konflikt beizulegen. Die kühle Aufnahme in Washington hat viele Araber vor den Kopf gestoßen.
Die Vereinigten Staaten können andererseits bei ihrer strategischen Planung auf die Golfstaaten nicht verzichten. Washington benötigt sie für die Energieversorgung und die Bekämpfung des Terrorismus. In den Golfstaaten könne wiederum niemand ein Interesse daran haben, daß sich die amerikanischen Soldaten zurückzögen, insistiert Suwaidi. "Dann hätten lediglich Saddam und Iran freie Hand." Für Suwaidi ist es auch erwiesen, daß nicht Europas interkultureller Dialog mit dem iranischen Präsidenten Chatami die Islamische Republik gemäßigt habe, sondern allein die Anwesenheit der amerikanischen Fünften Flotte in Bahrein.
Dennoch wünscht sich Suwaidi ein stärkeres Engagement Europas im Nahen Osten. Europa solle lieber eine politische Verantwortung übernehmen, anstatt immer nur den Scherbenhaufen zusammenzukehren, den die amerikanische Politik anrichte. Nur die Europäer könnten den Amerikanern erklären, wie die Welt funktioniere und daß Terrorismus nicht allein mit militärischen Mitteln gelöst werden könne, sagt Suwaidi. Auffallend ist, daß in jüngster Zeit die Presse der Golfstaaten viel über Meinungsverschiedenheiten zwischen den Amerikanern und den Europäern berichtet.
In allen Staaten des Golfkooperationsrats hat das Pentagon Soldaten stationiert oder zumindest einen Zugang zu Basen, außer in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch gehen Rüstungsaufträge der Emirate nicht an die Vereinigten Staaten, sondern nach Frankreich, teilweise auch an die ehemalige Schutzmacht Großbritannien. Umstritten ist, ob sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten amerikanische Militärberater aufhalten und ob amerikanische Marineschiffe gelegentlich den Hafen Jebel Ali im Emirat Dubai anlaufen. Hünseler erklärt die fehlende sichtbare amerikanische Militärpräsenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten damit, daß die Föderation sich außenpolitisch keine Feinde schaffen wolle. Das schließe die Einrichtung von Basen aber aus.
Er hält die Vereinigten Arabischen Emirate für das Land auf der Arabischen Halbinsel, das für Washington grundsätzlich das schwierigste sei. Denn Scheich Zayed, der Präsident der Föderation, verstehe die Amerikaner nicht. Solange er lebe, werde es in dem Land keine amerikanischen Basen geben, sagt der deutsche Sicherheitsfachmann voraus. Zum anderen seien die Vereinigten Arabischen Emirate mit ihren traditionellen Werten, die sie nicht aufgeben wollten, keine Freunde des Westens; dem seien sie lediglich über eine Interessengemeinschaft verbunden. So garantiert der Westen die Sicherheit der arabischen Golfstaaten. Darüber hinaus brauchen diese den Westen, um dort ihr Erdöl zu vermarkten und ihre Öleinnahmen anzulegen.
Das Gefühl der äußeren Bedrohung nimmt auch ab, weil sich die Vereinigten Arabischen Emirate und Iran näherkommen. Ein weiteres Indiz dafür ist die Einladung von Scheich Zayed an den iranischen Präsidenten Chatami. Von beiden sind keine Zugeständnisse in der Frage der drei Inseln Abu Mussa sowie der Großen und der Kleinen Tunb zu erwarten, die Iran seit 1971 besetzt hält. Eine langfristige Lösung deutet sich jedoch an. Denn für die Nachfolger von Scheich Zayed werden die Inseln nicht mehr die gleiche Herzensangelegenheit sein wie für den "Vater" der 1971 gegründeten Föderation, und das Emirat Dubai will seine Handelsbeziehungen zu Iran ohnehin nicht mit der Frage um die drei Inseln belasten. Auch soll Teheran bereit sein, die beiden Tunbs zurückzugeben, nicht aber Abu Mussa.
Die Vereinigten Staaten haben Iran zwar weitgehend eingekreist. Dennoch würde Teheran seine Nachbarn nicht länger alleine durch deren Beziehung zu Washington bewerten, heißt es in Abu Dhabi. Iran wolle jetzt vielmehr seine Beziehungen zu den Golfstaaten normalisieren. Nicht mehr vor dem übermächtigen Nachbarn Iran fürchten sich die Vereinigten Arabischen Emirate. Größer ist die Angst, daß ein Konflikt zwischen Washington und Teheran über die biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen Irans sowie das iranische Atomwaffenprogramm eskalieren könnte und der Golf dann der Schauplatz der Konfrontation wäre.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2001