Musste Kadir sterben, weil er am Drogenhandel verdiente? Die Welt
9. Juli 2002Kabul - Zwei Tage nach dem Attentat auf seinen Stellvertreter Hadschi Abdul Kadir hat der afghanische Präsident Hamid Karsai die Internationale Schutztruppe (Isaf) um Hilfe bei der Suche nach den Mördern gebeten. "Wir wollen eine ausgewogene, gerechte und professionelle Untersuchung", begründete ein Sprecher des Präsidenten die Entscheidung.
Die aus 5000 Mann aus 20 Nationen bestehende Isaf-Schutztruppe würde im Falle ihres Einverständnisses eine Kommission unter der Leitung eines weiteren Vizepräsidenten, Karim Chalili, unterstützen. Karsai hatte im afghanischen Fernsehen bereits gesagt, dass Hilfe aus Deutschland willkommen sei. "Die Deutschen haben uns bereits beim Aufbau einer Polizeitruppe geholfen", betonte Karsai.
US-Präsident George W. Bush hatte die Unterstützung der USA angeboten. In Washington sprachen sich Politiker beider großen Parteien für ein stärkeres Engagement der USA in Afghanistan aus. Die USA müssten unter allen Umständen einen Rückfall in frühere Zeiten verhindern. Ihr Ansehen in der Region und der ganzen Welt stehe auf dem Spiel. Die US-Regierung wies dieses Ansinnen zurück. Die Bemühungen müssten sich darauf konzentrieren, die afghanische Armee auszubilden, erklärte der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer.
Kadir, der im afghanischen Kabinett auch den Posten des Ministers für Infrastruktur bekleidete, war am Samstag von zwei Attentätern vor seinem Amtssitz erschossen worden. Nach Angaben des Innenministerium wurden am Sonntag zwei Männer festgenommen. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung war Kadir am Sonntag im ostafghanischen Jalalabad beigesetzt worden.
In Afghanistan sind Zweifel an einem politischen Hintergrund der Tat laut geworden. Kadirs Tod stehe möglicherweise in Verbindung mit dem Drogenhandel oder einer Stammesfehde, hieß es. Ein westlicher Diplomat sagte, Kadir habe viele Feinde unter Drogenhändlern und Stammesführern in seiner Heimatprovinz Nangarhar gehabt.
Kadir war Gouverneur der reichen Provinz, die ihren Wohlstand den vielen Mohnfeldern verdankt, der Grundlage für das Rauschgift Opium. Kadirs Beamte beschlagnahmten vor wenigen Monaten das Rauschgift auf dem größten Opiummarkt in Nangarhar, Ghani Chiel. Gerüchten zufolge sollen sie aber lediglich 20 Prozent verbrannt und den Rest selbst verkauft haben, was die Drogenhändler aufbrachte. Anderen Berichten zufolge bereicherte sich Kadir durch Drogenhandel. Darüber hinaus habe er sich seit langem mit einem Stammesführer in Nangarhar befehdet, dessen Brüder von seinen Männern getötet wurden.