Angst ums Öl Financial Times Deutschland
18. September 2002
Von Sebastian Dullien, Berlin, und Yvonne Esterhazy, WashingtonEin Krieg gegen Irak wäre für den Ölmarkt eine große Gefahr. Im schlimmsten Fall könnte der Ölpreis auf über 100 $ pro Barrel steigen. Die Folge wäre eine Depression. Aber auch maßvolle Prognosen zeigen: Die ganze Welt muss bangen und hoffen.
Benzinrationierungen und Fahrverbote, autofreie Sonntage und leere Autobahnen, Massenentlassungen und Unternehmenspleiten. Die Industrieländer im Westen taumeln in eine tiefe Rezession. Die Ölkrise 1973 ist unvergessen. Seit die arabischen Staaten ein Öl-Embargo gegen die USA und Holland aussprachen, wegen deren Israel-freundlicher Haltung im Jom-Kippur-Krieg, seit damals zittert der Westen bei jeder Spannung im Nahen Osten um den Ölpreis.
Und so wie in diesen Tagen haben die Finanzmärkte lange nicht gezittert. Zieht die USA gegen Irak in den Krieg? Am Ölmarkt liegen die Nerven frei. Allein das Angebot Iraks, die UN-Waffeninspektoren bedingungslos ins Land zu lassen, senkte den Ölpreis am Dienstag um drei Prozent. Dabei gab es nicht einmal Anzeichen dafür, ob dieses Angebot die Kriegspläne der USA beeinflussen.
"Die ökonomischen Risiken eines Irak-Krieges lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Öl", sagt der renommierte US-Ökonom Paul Krugman. "Steigende Ölpreise entziehen den Konsumenten Kaufkraft", erläutert Gustav Horn, der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Gleichzeitig, erklärt Horn, stiegen die Verbraucherpreise, und die Geldpolitik sehe sich gezwungen, einen restriktiveren Kurs zu fahren.
Das schmerzt. Die Umsatzaussichten verschlechtern sich, die Finanzierungskosten steigen, Unternehmen schieben ihre Investitionen auf. "Der Ölpreis ist der entscheidende Faktor, wie ein Krieg auf Konsumenten und Unternehmen wirkt", sagt US-Experte Guido Zimmermann von der Commerzbank.
US-Verteidigungshaushalt gut ausgestattet
Ein Krieg gegen Irak hätte wenig Wirkung auf die US-Wirtschaft und die Weltkonjunktur - gäbe es nicht den Ölpreis. "Die Amerikaner werden nicht ihr Verhalten ändern, weil auf der anderen Seite der Welt Krieg geführt wird", so Zimmermann.Auch DIW-Mann Gustav Horn sieht die Gefahr vor allem im Rohölpreis. Zwar bräche bei einem Angriff der USA wie im Golfkrieg das Verbrauchervertrauen ein, aber für die Wirtschaftsentwicklung sei das "egal". "Das Verbrauchervertrauen ist ein schlechter Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung." Es hatte, so Horn, wenig mit Kriegsverunsicherung zu tun, dass 1990/91 der Krieg am Golf und die Rezession in den USA zusammenfielen. Die USA habe sich schon im Abschwung befunden.
Auch die hohen Kriegskosten, die auf die USA zukämen, schrecken wenige Experten. Ein Einmarsch in Irak koste bis zu 200 Mrd. $, schätzt Lawrence Lindsey, engster wirtschaftspolitischer Berater von George W. Bush. Das sind rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der USA. Das ließe sich mit Hilfe von Krediten leisten. "Die USA sind kreditwürdig", sagt US-Experte Guido Zimmermann.
Michael Mussa,ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) bezweifelt gar, dass die Ausgaben für den Krieg zu einer deutlichen Ausweitung des Staatsdefizits führen. "Der Verteidigungshaushalt ist sehr gut ausgestattet." Bei einem Krieg würden die USA zunächst auf vorhandene Waffen, Bomben und Munition zurückgreifen.
Tickende Zeitbombe Saudi Arabien
Doch das alles lässt die Welt nicht aufatmen. Allein der Ölpreis ist ein Risiko. Er könnte die Welt bei einem Krieg in die Rezession stoßen. "Viel hängt davon ab, wie der Krieg verläuft", erklärt Mussa. Wenn die USA den Krieg in wenigen Wochen gewinnen, rechne er nur mit einem zeitweisen Anstieg des Ölpreises von rund 27 auf knapp über 30 $ den Barrel. Das könne die US-Konjunktur verkraften. "Stärker wären Länder wie Korea betroffen, die auf Ölimporte angewiesen sind", sagt der Volkswirt. Auch Europas Wirtschaft dürfte stärker als die USA leiden.Einen Preis von 40 $ halte die Weltkonjunktur einige Wochen aus, sagt DIW-Konjunkturchef Horn. "Kritisch wird es erst, wenn der Preis über mehrere Quartale hoch bleibt", also dann, wenn der Krieg lange dauert oder sich ausbreitet.
"Die zentrale Frage ist, ob es neben Irak noch in anderen Ländern zu Lieferunterbrechungen kommt", sagt Commerzbank-Ölexperte Steve Turner. Das Öl Iraks braucht derzeit eigentlich niemand. "Allein Saudi-Arabien hat genug freie Kapazitäten, um den Förderausfall Iraks zu ersetzen", sagt Manfred Horn, Rohölexperte des DIW. In den vergangenen Wochen förderte Irak nur eine halbe Million Barrel pro Tag, weniger als ein Prozent der Weltproduktion.
Aber wehe, der Krieg weitet sich aus oder einzelne Länder richten die Ölwaffe gegen den Westen! Das träfe den Westen tief, auch wenn es ihn wohl nicht lähmte wie 1973. Zu groß ist die Bedeutung anderer Förderländer, wie etwa Russland und Venezuela. Aber auch die arabischen Länder sind auf die Einnahmen aus dem Öl angewiesen und werden sich den Griff zur Ölwaffe genau überlegen.
Das ändert aber nichts an der Gefahr für die Politik in der Region. Saudi-Arabien ist eine tickende Zeitbombe. Die Königsfamilie regiert das Land, Demokratie gibt es nicht. Die Bevölkerung wächst so schnell wie in kaum einem anderen Land der Welt, 60 Prozent sind jünger als 20 Jahre. Jeder fünfte Saudi-Araber zwischen 20 und 29 Jahren ist arbeitslos. Seit Jahren stagniert das Pro-Kopf-Einkommen, der Staat kann das Wohlfahrtssystem für die wachsende Bevölkerung kaum mehr bezahlen. Islamistische Gruppen haben unter den jungen, unzufriedenen Männern starken Rückhalt. Das Risiko eines Umsturzes durch Extremisten wächst.
Für die nahe Zukunft hält Turner aber andere Risiken für gewichtiger. Irak werde bei einem Krieg versuchen, die Öllieferung der Nachbarstaaten zu unterbrechen. "Für die Regierung in Bagdad wäre eine solche Strategie logisch", sagt der Analyst. Er schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass die USA keinen schnellen Sieg erringen und der Ölpreis in die Höhe schießt, auf ein Drittel.
Anstieg des Ölpreises bei Misserfolg schwer einzuschätzen
Wie hoch der Ölpreis beim Misserfolg der Amerikaner stiege, lässt sich schwer vorhersagen. George Perry von der Brookings Institution rechnet bei einem Verlust der täglichen Förderung von 7,0 Millionen Barrel, der Fördermenge Saudi-Arabiens, mit einem Rohölpreis von 75 $.In dem schlimmsten Fall, dem GAU für den Ölmarkt, käme es zu noch größeren Lieferunterbrechungen. Würde der Ölfluss aus dem Mittleren Osten für längere Zeit ganz unterbrochen und das Ölangebot bräche um 21 Millionen Barrel pro Tag ein, dann sagt Perry einen Preis von 161 $ pro Barrel voraus.
Die Folge von Ölpreisen deutlich jenseits der 40 $ wagen selbst Experten nicht vorherzusagen. Nach einer Faustregel verringert der Anstieg der Rohölpreise um 10 $ das Wirtschaftswachstum in der westlichen Welt um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkt. Öl für 161 $ würde damit einen negativen Wachstumsschock in Höhe von 3,25 bis 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bedeuten - eine kaum vorstellbare Depression. "Für extreme Preisbewegungen sind solche Regeln allerdings unbrauchbar", warnt Commerzbank-Konjunkturexperte Ralph Solveen. Aber in einem Punkt sind sich die Experten einig: Schon ein Ölpreis von 75 $ wäre verheerend.
Selbst ein Ölpreis, der länger an der 40-$-Marke verharrt, ist eine große Gefahr für die schwache Weltkonjunktur. "Zurzeit steht der Aufschwung ohnehin auf wackeligen Beinen", sagt Deutsche-Bank-Ökonom Stefan Bielmeier. Ein Nachfrageschock sei da sehr gefährlich. "Bei einem Ölpreis von 40 $ gibt es wahrscheinlich eine neue Rezession", sagt auch sein Commerzbank-Kollege Zimmermann.
Die Regierung der USA sieht dieses Risiko nicht. Im Gegenteil, für sie ist der Ölpreis ein Grund, Saddam Hussein zu stürzen. In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" verglich Präsidentenberater Lindsey die Kosten eines Irak-Krieges mit einer Investition, die ökonomische Unsicherheit beseitige und das Ölangebot erhöhe.
Manche Volkswirte teilen diese Schlussfolgerung. Gelingt den USA der kurze, saubere Krieg, dürfte sich der Ölpreis schnell und dauerhaft stabilisieren. Experten schätzen derzeit, dass im Ölpreis eine Risikoprämie von 2 bis 8 $ steckt. Ohne die Erwartungen eines Irak-Krieges läge der Ölpreis also unter 25 $, 20 Prozent unter dem heutigen Wert.
Mittelfristig könnte er sogar noch weiter sinken. "Wenn Irak wieder normales Opec-Mitglied wird, dürfte der Ölpreis künftig eher am unteren Rand des Zielbandes des Kartells von 22 $ bis 28 $ liegen", sagt Manfred Horn. Wende sich Irak gar von dem Öl-Kartell ab, dürften die Preise noch weiter fallen - das Land am Golf verfügt über die zweitgrößten Ölreserven der Welt, rund zehn Prozent aller bekannten Erdölvorkommen.
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