Amerikaner und Briten fragen sich verwirrt: Was haben wir im Irak versäumt und verpatzt?
Die Zeit
7. Juli 2003
Von Giuliana Sgrena
(Aus dem Italienischen von Ulrich Ladurner)Drei Monate nach Ende des Krieges gibt es in Bagdad vier Stunden Strom am Tag; die überwiegende Mehrheit der Bewohner verfügt nicht über fließendes Wasser; die Telefonleitungen sind tot; es fehlt an Benzin – und das in einem Land, das auf Rohöl schwimmt. Die mächtigste Militärmaschine der Welt ist nicht in der Lage, die Sicherheit im Land zu garantieren – nicht einmal die eigene. Täglich sterben Soldaten der Besatzungsmacht bei Attentaten. Bald wird die Zahl der Opfer in "Friedenszeiten" höher sein als zu Zeiten des Krieges.
So sieht das grobe Bild des von Saddam Hussein befreiten Iraks aus. Niemanden stellt es zufrieden, nicht die Sieger in Washington, nicht die Iraker, die sich vom Frieden mehr erwartet hatten als die Abwesenheit der Diktatur Saddam Husseins. Nicht nur die Amerikaner fragen sich: Warum schießen die Befreiten auf die Befreier?
Der Diplomat Paul Bremer ist der Erste, der darauf eine Antwort finden muss. Der "Vizekönig" des Iraks soll für George W. Bush den Frieden gewinnen, damit der Präsident nicht den Krieg verliert. An Bremers schwankender, unsicherer Politik lässt sich ablesen, dass die Supermacht Amerika ihren Weg im Irak noch nicht gefunden hat – dass sie in Verlegenheit kommt, wenn sie jetzt erklären muss, warum so viele der Ihren Opfer von Anschlägen werden.
Eine der ersten spektakulären Aktionen des im Mai eingesetzten Bremer war die Auflösung des irakischen Militärs. Daraufhin gingen Tausende Offiziere und Soldaten auf die Straße und drohten, Gewalt anzuwenden, falls sie nicht wieder in ihr Recht und Auskommen eingesetzt würden. Bremer versprach den Exuniformierten umgehend ein Gehalt und die mögliche Integration in die neue, erst noch zu bildende Armee. Die Drohung der ehemaligen Soldaten hatte gewirkt.
Wenig später versuchte Bremer, die irakische Bevölkerung zu entwaffnen. Eine riesengroße Aufgabe, denn nach offiziellen Schätzungen sind sieben Millionen Gewehre im Umlauf – bei einer Gesamtbevölkerung von 24 Millionen. Bremer erließ zunächst eine Amnestie für alle, die ihre Waffen bis zum 15. Juni freiwillig abgaben. Aber die vorbereiteten Lager blieben so gut wie leer. Nach dem Scheitern der freiwilligen Abgabe setzten die US-Truppen auf Zwang – mit verheerenden Auswirkungen für das Leben der Iraker. Die tägliche Blockade des Bagdader Straßenverkehrs durch Kontrollposten gehört noch zu den kleineren Übeln. Schwerer wiegen die Durchsuchungen von Privathäusern. Soldaten dringen mit Vorliebe nachts und ohne Vorwarnung in jene Wohnungen ein, in denen sie Widerständler vermuten. Sie gehen dabei – nach den Klagen betroffener Iraker – äußerst rücksichtslos vor.
Ali Zeidani hat eine solche Durchsuchung über sich ergehen lassen müssen. Er wohnt in dem Bagdader Quartier al-Adhamiya. Ein Panzer drang in den Hof seines Hauses ein. Er riss die Hofmauer nieder, beschädigte das Haus und brachte sämtliche Wasserleitungen zum Platzen. Ein bedauerlicher Unfall – entschuldigen sich die US-Soldaten. Aber Ali Zeidani weiß nicht, wo er sich beklagen, wer ihm den Schaden ersetzen könnte. Das Haus Ali Zeidanis war während des Krieges von Splittern einer Rakete getroffen worden; außerdem ist er ein Invalide, in den achtziger Jahren wurde er im Iran-Irak-Krieg zum Krüppel geschossen. Ali Zeidani steht für das Schicksal eines irakischen Durchschnittsbürgers.
Natürlich ist er nicht gut auf die Amerikaner zu sprechen, und auch damit ist er nicht allein im Irak. Zorn und Feindseligkeit schlagen den Befreiern entgegen. Bei den ersten Angriffen auf Patrouillen und Konvois behauptete Washington noch, es handele sich dabei um "Widerstandsnester" von Anhängern Saddam Husseins. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sprach sogar von "einfachen Kriminellen".
Behauptungen, die den Realitäten nicht standhalten. Aus den seit Wochen andauernden Anschlägen lässt sich eine Art Geografie des Widerstandes ableiten. Die ersten Angriffe gab es im Westen Bagdads, in den Städten Falludschah und Ramadi. Dann kamen Hit und Rawa im Norden dazu, und schließlich bewegte sich die Schleife der Gewalt nach Osten hinüber zum Tigris, über die Städte Tikrit, Balad und Baquba. Diese Gegend nennt man heute das Dreieck des Todes – hier gab es die häufigsten Angriffe auf US-Soldaten. Dieses Dreieck liegt im vorwiegend von Sunniten bewohnten Gebiet Iraks. Unter ihnen hatte Saddam Hussein die meisten Gefolgsleute.
Der Funken entzündete sich in Falludschah. Ende April kamen dort 16 Menschen durch die Kugeln von US-Soldaten ums Leben. Falludschah ist für die Sunniten von eminenter politischer und religöser Bedeutung – hier wird der Großteil ihrer Imame ausgebildet. Der hier praktizierte Islam orientierte sich an den ultrakonservativen Wahhabiten saudischer Provenienz. Die Bewohner selbst hatten zuerst geleugnet, dass es sich bei den Angriffen auf die Amerikaner um organisierten Widerstand handelt – inzwischen aber sprechen sie offen darüber. "Es sind nicht einfach nur Anhänger Saddam Husseins", sagt Kamal, ein junger Mechaniker aus Falludschah. "Wenn schon, dann sind es Anhänger der Baath-Partei und ihres irakischen Nationalismus. Viele dieser Baath-Leute sind von Saddam Hussein ebenso verfolgt worden wie andere Oppositionsgruppen!" In Falludschah speist sich der Widerstand gegen die Amerikaner aus verschiedenen Quellen: Nationalismus, Stammeszugehörigkeit und religiösem Konservativismus – sie alle sind sehr empfindlich gegenüber jeder Art der äußeren Einmischung. Kamal sagt, dass niemand in Falludschah mit den Amerikanern spricht. Dann korrigiert er sich: "Natürlich gibt es auch hier Spione und Kollaborateure. Aber wir kennen sie, und sie werden den Tod finden!" Er sagt dies ohne den Hauch eines Zweifels. Die Exekution von "Kollaborateuren" hat im Übrigen bereits begonnen. Am vergangenen Wochenende wurde in Bagdad Haifa Aziz Daoud, die Direktorin der Elektrizitätswerkes, erschossen.
Kamal berichtet, ausländische Mudschaheddin unterhielten in Rawa, an der syrischen Grenze, ein Ausbildungslager. Mitte Juni haben die Amerikaner dort zugeschlagen. Dabei sind in Rawa mehrere Häuser zerstört worden. 70 Menschen kamen ums Leben. Der Rebell aus Falludschah leugnet, dass es Kontakte mit den ausländischen Mudschaheddin gebe. Allerdings spricht er von Verbindungen zu Widerstandsgruppen im benachbarten Kaldiyah und Ramadi.
Wie komplex und vielschichtig die sich formierende Widerstandsbewegung ist, zeigt sich im Süden des Landes. In Majar al-Kabir starben sechs britische Soldaten im Kugelhagel der Hisbollah (die allerdings keine Verbindungen zur gleichnamigen Gruppe im Libanon hat). Sie hat 20 Jahre lang gegen den irakischen Despoten gekämpft und hielt in den später von Saddam Hussein ausgetrockneten Sümpfen aus, während dieser noch ein Partner des Westens war.
Das Blutbad von Majar al-Kabir war allerdings eine Ausnahme, der Süden war bisher ansonsten relativ ruhig. Das mag damit zusammenhängen, dass die dort lebenden Schiiten als Opfer Saddam Husseins gegenüber den Besatzern größere Dankbarkeit empfinden als etwa die Sunniten im Zentrum des Landes. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die schiitischen Geistlichen vorerst mit einem internen Machtkampf beschäftigt sind. Ihr Antiamerikanismus beschränkt sich auf die eine oder andere flammende Rede bei den Freitagsgebeten.
Warum also schießen die Befreiten auf den Befreier? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Aber auf der Suche danach landet man immer wieder bei dem Krieg. Inzwischen ist es in Bagdad fast schon ein Allgemeinplatz geworden, dass es ein geheimes Abkommen zwischen Saddam Hussein und den USA gegeben haben müsse. Nur so habe Bagdad am 9. April fast kampflos in die Hände der Besatzer fallen können. Das mögen Verschwörungstheorien sein, aber in den Köpfen der Iraker haben sie sich zu einer Wahrheit verfestigt: "Wir sind von unseren eigenen Kommandanten verraten worden. Sie haben von den Amerikanern Geld angenommen und sind ins Ausland geflüchtet", sagt Hussein Hassan, ein Unteroffizier der irakischen Armee. "Uns haben sie einfach nach Hause geschickt." Das empfindet Hassan als Schande. Immerhin hat er 15 Jahre lang in der Armee gedient, die von den Amerikanern nun aufgelöst wurde. Gedient habe er "nicht Saddam Hussein, sondern dem Land", sagt er, und er wird das Gefühl nicht los, "die Heimat verraten zu haben".
Es gibt Gelegenheiten, bei denen ihm das um die Ohren geschlagen wird. Als er sich zusammen mit anderen Offizieren niedrigen Ranges vor dem Bagdader Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsmacht zur Demonstration versammelt, schreit ihnen der Übersetzer der US-Soldaten entgegen: "Ihr seid ein Heer von Feiglingen!" Der Übersetzer ist ein Mann aus Kuwait – dem Land, in das Saddam Husseins Armee 1991 einmarschiert war.