Frankfurter Allgemeine
2. September 2003
Von Souad Mekhennet"Kennen Sie im Westen einen weiblichen Colonel, der sich nur mit seinen Eltern aus dem Haus traut?" Maysaloon Kamel starrt auf ein Bild an der Wand. Es zeigt sie in Uniform. Dann beantwortet sie ihre Frage selbst: "Ich glaube nicht."
Maysaloon war Pilotin in der irakischen Luftwaffe. Sie ist 39 Jahre alt, unverheiratet und lebt mit ihren Eltern, einer Schwester und einem Bruder in einem Haus mit fünf Zimmern in Bagdad. 1981 ging sie zur Armee. "Es war mein Traum, Pilotin zu werden. Damals gab es noch keine Frau, die einen Kampfjet geflogen hat", sagt sie, und ihre braunen Augen blitzen. Sie war eine der ersten Frauen, die im Cockpit einer russischen Maschine saß; auf Wunsch Saddam Husseins wurden auch Frauen zu Pilotinnen ausgebildet. In neun Monaten absolvierte sie 65 Flugstunden, ihr Lehrer kam aus Rußland. Doch Maysaloon und die anderen sieben Pilotinnen kamen niemals zum Einsatz. "Irgendwann kam der Befehl, daß Frauen nicht mehr fliegen sollten, weil es zu gefährlich sei." Von 1982 an arbeitete sie deshalb im Tower auf einer Air Base, gab Piloten Koordinaten durch und erteilte Befehle.
Kaum noch aus dem Haus
"Und heute sitze ich den ganzen Tag zu Hause und bestimme höchstens, was es zum Essen gibt. Ich gehe nicht mehr alleine raus, weil es keine Sicherheit auf den Straßen gibt." Maysaloon wirkt wie versteinert. Nie hätten Frauen in der Vergangenheit Angst davor gehabt, das Haus zu verlassen. An jeder Straßenecke habe mindestens ein Polizist gestanden, auch nachts. Tatsächlich sind heute auf den Straßen Bagdads aber kaum Polizisten zu finden -außer im Stadtzentrum in der Nähe großer Hotels oder auf Kreuzungen. Frauen sind aus dem Stadtbild beinahe verschwunden. Geschichten über Entführungen junger Frauen und Vergewaltigungen werden überall erzählt."Ich bin damals mit Freundinnen nach der Arbeit essen oder spazierengegangen, heute laufe ich mit meiner 64 Jahre alten Mutter höchstens vormittags über den Markt." Maysaloon hat kurze Haare und eine zierliche Figur. Sie wirkt jünger als sie ist. Auch im Irak gilt die Tradition, daß eine Frau nach der Ehe sexuellen Kontakt zu einem Mann haben darf, auch deswegen hätten die meisten Frauen und Familien Angst. Denn die meisten würden eine Vergewaltigung aus Schamgefühl verheimlichen. "Aber auch wenn eine Frau nur entführt würde, wäre für die Nachbarn klar, daß sie auch vergewaltigt wurde und vielleicht auch selbst etwas Schuld daran hat", sagt Maysaloon. In ihrer Nachbarschaft leben viele Familien, deren Töchter nur noch in Begleitung ihrer Angehörigen zu den Schulen, Universitäten oder Arbeitsplätzen dürfen. Von den amerikanischen Besatzern erwartet Maysaloon keine Hilfe: "Die haben doch genug damit zu tun, sich um ihre eigene Sicherheit zu kümmern."
Gefangen statt in Freiheit
Für die 21 Jahre alte Rina Jawad hingegen tragen die amerikanischen Besatzer eine Hauptschuld an der Situation der irakischen Frauen: "Die Amerikaner versprachen uns mehr Freiheit, doch wir sind jetzt zu Gefangenen geworden." Rina studiert im dritten Jahr Biologie an der Universität in Bagdad. Sie greift an den Zipfel ihres Kopftuchs und wischt sich damit Tränen aus dem Gesicht. Rina trägt seit dem Fall Bagdads eine Abaja, einen langen schwarzen Mantel mit dazugehörigem Kopftuch, so wie man es in Iran gewohnt ist. "Ich bin zwar Schiitin, aber meine Eltern haben niemals Wert auf religiöse Kleidung gelegt. Jetzt trage ich sie zu meinem eigenen Schutz." Ihre Eltern hatten sie vor die Wahl gestellt, entweder die Abaja zu tragen, wenn sie das Haus verläßt, oder nicht mehr aus dem Haus zu gehen.Sie wird von ihrem Vater oder dem älteren Bruder bis ans Tor der Universität begleitet. Dort stehen amerikanische Soldaten und kontrollieren die Taschen der Studenten, bevor diese das Gelände betreten; vor einigen Wochen wurde ein Soldat in der Mensa erschossen. Nach dem Unterricht wird Rina wieder abgeholt. "Früher bin ich ohne Abaja mit meinen Freundinnen zur Universität gefahren, und danach waren wir noch in Cafés. Doch das ist jetzt vorbei." Alia Abdelmajid, Rinas Freundin, steht neben ihr und nickt. Sie trägt zwar keine Abaja. Aber sie trägt auch keine engen Kleider und schminkt sich nicht mehr. Sie darf ohne familiäre Begleitung nicht mehr aus dem Haus: "Wir freuen uns ja, daß Saddam Hussein weg ist, aber von den Versprechungen der Amerikaner ist nicht viel geblieben." Vor dem Krieg seien sie und ihre Freundinnen bis 22 Uhr unterwegs gewesen. Niemand habe etwas gesagt, und nie habe man Nachrichten von Vergewaltigungen oder Überfällen gehört. Alia meint: "Das gab es hier einfach nicht."
Studentinnen bleiben zuhause
Der Leiter des "College of Biology" an der Universität in Bagdad bestätigt, daß einige seiner Studentinnen nicht mehr kommen. "Die meisten Biologiestudenten sind junge Frauen", sagt Raad al Mawala. "Unter anderem, weil sie die Arbeit im Labor später gut mit einer Familie vereinbaren können." Etwa zehn Prozent der 1360 - meist weiblichen - Studenten kämen nicht mehr zum Studieren. "Einige von ihnen waren ausgezeichnete Studentinnen, die etwas im Leben erreichen wollten. Aus ihnen wären bestimmt gute Wissenschaftlerinnen geworden." Raad al Mawala blickt auf eine Liste mit den Namen seiner Studenten: "Jetzt werden sie wahrscheinlich zu Hausfrauen."Zwei Kilometer weiter auf dem Gelände der Universität ist das "College for Education of Women". Hier studieren junge Frauen, die später an Kindergärten und Schulen unterrichten wollen. Bis auf die Lehrer haben Männer nur mit ausdrücklicher Genehmigung Zutritt. Vor dem Maschendrahtzaun warten Väter, Mütter und Brüder auf ihre weiblichen Verwandten. Einige der Männer nutzen die Zeit zum Reden. Naseer wartet auf seine Schwester Houda, er wechselt sich mit seinem Vater ab.
Polizei noch nicht im Einsatz
"Ich habe im Moment nichts zu tun, acht Jahre lang habe ich in der Armee gedient, und nun sitze ich nur noch zu Hause, wie die meisten hier." Früher sei seine Schwester allein zur Universität gegangen, doch nun sei das zu gefährlich. Weil viele wie er ohne Arbeit seien, gebe es mehr Überfälle und Vergewaltigungen: "Viele haben mit dem Trinken angefangen, weil sie nicht damit fertig werden, und einige von ihnen gehen dann auf die Straße und vergewaltigen Frauen." Ob es so ist, wie Naseer meint, kann niemand sicher wissen. Klar ist aber, daß in großen Teilen der Stadt die Polizei noch immer nicht im Einsatz ist. Und klar ist auch, daß erwachsene Frauen wie Maysaloon, Rina, Alia und Houda nicht mehr allein auf die Straße gehen.