Irakische Soldaten und Polizisten quittieren aus Protest den DienstKurz vor der Machtübergabe an eine irakische Regierung treten Lücken im Sicherheitskonzept zutage. Der Aufbau zuverlässiger Einheiten wird noch Jahre in Anspruch nehmen.
NZZ am Sonntag
18. April 2004
Von Inga Rogg, BagdadAuf einen ruhigen Job für gutes Geld hatte Mohammed Jasem gehofft, als er sich im Juni beim Irakischen Zivilverteidigungskorps (ICDC) bewarb. Doch schon nach der Grundausbildung wurde es für den 23-Jährigen ernst. Im Schnellverfahren bekam er mit 200 anderen Rekruten Lektionen in Demokratie und erster Hilfe, dann lernte er den Umgang mit der Kalaschnikow und bekam die Erstürmung von Häusern beigebracht. «Ich dachte, wir werden als Wachen eingesetzt», sagt Jasem heute. Stattdessen musste er mit US- Soldaten auf Patrouille gehen. Aber es kam noch schlimmer: Nach Hinweisen auf ein Waffenlager kam der Befehl zu einer Hausdurchsuchung. «Wie Rambos sind wir in das Haus eingebrochen», sagt er. «Die Soldaten stellten jedes Zimmer auf den Kopf. Die Kinder weinten vor Angst.» Mindestens einmal pro Woche habe er sich an solchen Einsätzen beteiligen müssen.
Schlechte Moral
Das ICDC ist neben der Polizei, dem Grenz- und dem Gebäudeschutz eine der vier Säulen der neuen Sicherheitsstruktur des Iraks. Auf Plakaten in der Hauptstadt werben drei Männer und eine Frau für die neuen Einheiten. Nach der Wiederherstellung der Souveränität am 1. Juli sollen sie die Sicherheit der Bürger garantieren. Rund 150 000 Männer und Frauen zählen die Einheiten, knapp 80 000 Polizisten sind im Dienst. Das ICDC soll von derzeit 31 000 auf 40 000 Personen aufgestockt werden, ebenso wie die Armee, die derzeit lediglich 4000 Soldaten hat.Diese kleinen Verbände stellen eine radikale Abkehr vom ausufernden Repressionsapparat des alten Regimes dar, der mehr als 1,5 Millionen Polizisten, Geheimdienstler, Milizionäre und Soldaten beschäftigte. Gut zwei Monate vor der Machtübergabe an die Iraker steht indes fest, dass der Aufbau der Einheiten viel zu langsam vorankommt. Dabei sind nicht nur schlechte Ausrüstung und minimale Ausbildung ein Hindernis, sondern auch die schlechte Moral und die mangelnde Loyalität der Bewaffneten. Vor zwei Wochen verweigerte ein Bataillon der irakischen Armee den Einsatzbefehl, als es den Marines in Falluja zur Seite springen sollte. Als die Polizei von den Milizen von Muktada as-Sadr angegriffen wurde, räumten die Polizisten ihre Posten. Einige schlugen sich gar auf die Seite seiner Mahdi-Armee. Bereits im März wurden in Falluja vier Polizisten verhaftet, die am Mord an zwei Amerikanern beteiligt gewesen waren. Mitglieder des ICDC waren an der Ermordung der vier US-Sicherheitsberater letzte Woche in Falluja beteiligt.
Beide Seiten trauen einander nicht mehr über den Weg. «Den Irakern ist ihr Land doch egal», sagt ein US-Soldat, der seit einem Jahr in Bagdad stationiert ist. «Für ein paar Dollar verkaufen die jeden.» Mohammed Jasem wirft den Besetzungssoldaten seinerseits Arroganz vor. «Sie befehlen, und wir müssen blind gehorchen», sagt er. «Wir sind es, die dann als Schutzschilde den Kopf hinhalten müssen.»
Bei Patrouillen und an Checkpoints laufen die Iraker Gefahr, in Hinterhalte zu geraten. Dabei haben die Terroristen ihre Taktik immer mehr verfeinert. Von Attacken mit Mörsergranaten und am Strassenrand deponierten Bomben sind sie dazu übergegangen, Serien von kleinen Bomben zu legen, die per Fernbedienung gezündet werden. Aufgrund der Bauart gehen amerikanische Sicherheitsexperten davon aus, dass einige der Bombenbauer vom libanesischen Hizbullah ausgebildet worden sind. «Wir hatten bis vor kurzem nicht mal schusssichere Westen», sagt Mohammed Jasem. «Wir können erst recht nichts gegen die Terroristen ausrichten.» Zudem behielten die Amerikaner ihre Erkenntnisse für sich, beklagen Offiziere von Polizei und ICDC.
Nicht nur die Untergrundkämpfer müssen Jasem und seine Kollegen fürchten. Gross ist die Angst vor Angehörigen jener Personen, die bei Einsätzen getötet werden. Ein Kollege habe 12 Millionen Dinar, das Sechsfache seines Monatsgehalts, gezahlt, um der Rache der Hinterbliebenen zu entgehen.
Das Fass endgültig zum Überlaufen brachte für den 23-Jährigen der Einsatzbefehl am Samstag vor zwei Wochen. Er wurde zu einer Demonstration von Anhängern des radikalen Predigers as-Sadr gerufen. Daraufhin quittierte er den Dienst. Im Schneidersitz sitzt der junge Schiit auf dem Boden des elterlichen Wohnzimmers. Nie würde er sich für einen Einsatz gegen as-Sadrs Mahdi-Miliz hergeben.
Viele Loyalitäten
Zwar haben die Amerikaner keine Schwierigkeiten, neue Sicherheitskräfte zu rekrutieren. Doch sie können nicht sicher sein, ob die Loyalität gegenüber dem Staat stärker ist als die Solidarität mit der Familie oder der Ethnie. In den nächsten Wochen sollen anstelle von amerikanischen ehemalige irakische Offiziere das Kommando übernehmen. Die Koalition will sich fortan auf die Ausbildung des Führungskorps beschränken.Gemäss der neuen Verfassung werden die Amerikaner nach der Machtübergabe ein gewichtiges Wort mitreden. Wichtige Posten wie der des regierungsunabhängigen Generalsekretärs im Verteidigungsministerium wurden bereits mit proamerikanischen Politikern besetzt.
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