Frankfurter Allgemeine Zeitung
23. Juli 2004
Von Rainer Hermann, IstanbulFalludscha, Samarra, Ramadi. Es sind immer die gleichen Namen. Eines haben sie gemeinsam: Sie liegen im sunnitischen Dreieck des Iraks, und sie sind die Zentren des bewaffneten "Widerstands" gegen die amerikanischen Besatzer. Seit Dienstag ist wieder Ramadi an der Reihe.
Begonnen hatten die Kämpfe, als Aufständische einen Posten der Amerikaner angegriffen hatten, die schlugen zurück und zerstörten zwei Häuser, und so setzte sich die Spirale der Gewalt in Gang. Die Bomben treffen dabei auch diejenigen, für die sie nicht gedacht sind. Drei Brüder aus Ramadi wurden von einer Bombe am Straßenrand getötet, die einer amerikanischen Patrouille hätte gelten sollen. Die Amerikaner wollen seit Dienstag aber 25 Aufständische getötet haben.
Prekäre Sicherheitslage
Die Kämpfe in Ramadi hatten gerade begonnen, da dauerten die in Samarra noch einen Tag an. Auch hier das gleiche Muster: Aufständische greifen aus einem Haus einen amerikanischen Beobachtungsposten mit Granaten an, die verteidigen sich, indem der Panzer, der sie beschützt, das Haus bombardiert, aus dem die Granaten geworfen wurden.Die Soldaten fordern Luftüberwachung an, als feindlich identifizierte Häuser werden beschossen, und am Ende des Tages sind nach Angaben der irakischen Polizei fünf Iraker tot und acht verletzt. Nicht geklärt ist, ob die zwei verstümmelten Leichen von Irakern, die an jenem Tag gefunden wurden, mit den Kämpfen zu tun hatten. Zuvor waren am 9. Juli bei einem Blutbad in Samarra elf Personen getötet worden, unter ihnen fünf amerikanische Soldaten. Vorausgegangen war, daß Aufständische mit 38 Granaten die von Amerikanern bewachte Zentrale der irakischen Nationalgarde angegriffen haben.
Nirgendwo im Irak sind aber seit der Machtübergabe am 28. Juni so viele amerikanische Soldaten getötet worden wie im sunnitischen Dreieck. Nicht Takrit verursacht den Amerikanern Kopfzerbrechen. Denn in der Stadt, aus der Saddam Hussein stammt, arbeiten die Stammesführer mit der neuen Regierung und den Besatzern zusammen. Am prekärsten ist die Sicherheitslage vielmehr im Dreieck von Falludscha, Samarra und Ramadi.
Aufständische haben sich neu organisiert
In Samarra leben sunnitische und schiitische Araber, 40 Prozent von ihnen sollen seit dem 9. Juli aus Angst vor einem amerikanischen Vergeltungsschlag die Stadt verlassen haben. Als sich die Amerikaner nach dem Tod von siebzig Soldaten im Mai aus Falludscha zurückzogen haben, um weniger sichtbar und damit weniger verwundbar zu sein, überließen sie auch Samarra den Aufständischen.Seither konnten sie sich in der Stadt mit dem berühmten Spiralminarett unbeschwert neu organisieren. Aus dem Schutz der Stadt heraus sollen sie auch begonnen haben, ihren bewaffneten Kampf in benachbarte Städte wie Balad und Chalis, die auf der Strecke nach Bagdad liegen, zu tragen, behaupten die Amerikaner. Dorthin schicken sie ihre Kämpfer und ihre Waffen. So wollen sie die Amerikaner immer weiter zurücktreiben. Die Polizei und Nationalgarde des Iraks sind nicht in der Lage, dem Treiben der Aufständischen Einhalt zu gebieten. Die Einwohner der Stadt haben daher mit einer Offensive der Amerikaner gerechnet, zu der sich die aber nicht haben hinreißen lassen.
Im Griff des Widerstands
Seit dem Rückzug der amerikanischen Einheiten aus Falludscha ist besonders diese Stadt zum Zentrum der irakischen Guerrilla geworden. Die amerikanischen Soldaten verschanzten sich jenseits der Stadtgrenzen im "Camp Falludscha", und die Stadt selbst ist seither im Griff des Widerstands. Dessen Angriffe und Anschläge koordiniert ein "Rat der Mudschahedin".Die von den Amerikanern eingesetzte Stadtverwaltung hat keine andere Wahl, als sich diesem Rat zu fügen. Im Rhythmus weniger Tage wird das "Camp Falludscha" angegriffen. Gefährlicher ist, daß die Aufständischen, die aus Falludscha agieren, in Bagdad und anderen großen Städten eigene Kampfeinheiten unterhalten, etwa unter dem Namen "Brigaden des islamischen Widerstands" und das "Bataillon Allahu Akbar". Sie versorgen sie mit Kämpfern und Waffen. Zudem sollen sie in anderen Städten, etwa Ramadi, Kämpfer ausbilden.
Unterschiedliche Motive
Drei Gruppen tragen im sunnitischen Dreieck und damit den Städten Falludscha, Samarra und Ramadi den Widerstand: irakische Nationalisten, entmachtete Baathisten und panislamistische Ausländer. Unterschiedliche Motive treiben sie an: Die Nationalisten wollen einen souveränen Irak, die Baathisten rächen sich für den Verlust der Macht, und die Panislamisten wollen einen islamischen Staat nach dem Vorbild der Taliban. Nur der eine Wunsch eint sie, die amerikanischen Soldaten aus dem Irak zu vertreiben. Daher werten sie es als gemeinsamen Erfolg, wenn sie den Bereich stetig erweitern, aus dem sie die Amerikaner vertreiben.Und doch scheint sich zwischen den beiden irakischen Gruppen und den ausländischen Extremisten ein Spalt aufzutun. Die Iraker führen einen politischen Krieg, die Islamisten einen religiösen. Nationalisten und Baathisten wollen eine Stadt nach der anderen unter Kontrolle bekommen und so ihre Macht auf Kosten der neuen Regierung ausbauen. Sie brauchen also Stabilität, und sie verzichten auf Angriffe gegen Schiiten. Andererseits wollen die islamistischen Extremisten vom Schlage eines Zarqawi Chaos schaffen, um ihre Hebelwirkung im politischen Geschäft zu erhöhen.
Vor diesem Chaos fürchten sich die Nationalisten und Baathisten auch deshalb, weil er ein Vakuum schaffen und den Einfluß Irans erhöhen würde. Die Saat für eine Spaltung des Widerstands im sunnitischen Dreieck ist gelegt. Zusammengehalten werden seine Gruppen nur, weil sie nach wie vor einem gemeinsamen Feind gegenüberstehen.
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